Eine Einschätzung der aktuellen Geschehnisse im Iran ist schwierig, denn die Berichte sind gefärbt. Das gilt sowohl für die Darstellungen des Regimes und seiner Helfer als auch für Stimmen aus der Bewegung und ihrer internationalen Sympathisanten.
Die Massenbewegung
Diejenigen westlichen „Antiimperialisten“, die dem islamfaschistischen Regime die Mauer machen, versuchten anfänglich, die Zahl der Demonstranten auf „einige Tausend“ kleinzureden und sie – im Vergleich zu den 90 Millionen Einwohnern des Landes – als irrelevant darzustellen. Sie folgten damit der Propaganda des Regimes.
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Das ist inzwischen gegessen. Die Schätzungen bewegen sich mittlerweile zwischen hunderttausenden und Millionen Demonstranten. Dass in mindestens 186 Städten Menschen gegen die Islam-Diktatur auf die Straße gehen, scheint gut belegt.
In Teheran demonstrieren sowohl die Arbeiter aus dem Süden der Stadt als auch junge Leute aus den wohlhabenderen Vierteln im Norden. Und es sind wohl auch die Ölarbeiter in den Streik getreten, was im Iran traditionell ein entscheidender Bereich ist; das Ausmaß dieser Arbeitsniederlegungen ist aber unklar.
Bemerkenswert sind auch die Slogans der Demonstranten. Einer lautet: „Das ist erst dann unser Land, wenn die Mullahs im Grab liegen!“
Bei einem anderen handelt es sich um eine Abwandlung aus früheren Bewegungen. Früher skandierte man (an die Teilnehmer selbst gerichtet): „Habt keine Angst, denn wir halten zusammen!“ Nun lautet der Slogan (an das Regime gerichtet): „Habt Angst, denn wir halten zusammen!“
Inhaltliche Ausrichtung
Dass die Unterstützung für die Diktatur erodiert, zeigt ein Video von einer Universität: Ein Propagandist des Regime versucht eine Menge von Studenten aufzupeitschen und skandiert vom oberen Ende einer Treppe abwechselnd „Nieder mit den USA!“ und „Nieder mit Israel!“ Die Masse antwortet jedes Mal mit „Nieder mit Palästina!“ – und lacht ihn aus (zu sehen am Beginn dieses Videos: https://www.youtube.com/watch?v=1RZUHOQsupU)
Auslöser der aktuellen Massenbewegung sind sicherlich ökonomische und infrastrukturelle Probleme, die das Regime nicht in den Griff bekommt. Die Versorgung mit Strom und Wasser funktioniert nicht mehr – und das sind existenzielle Dinge für die Bevölkerung.
Die Inflation liegt bei 40 Prozent, bei manchen Produkten sogar zwischen 100 und 200 Prozent. Selbst bei der Versorgung mit Treibstoff gibt es Probleme. Das Regime ist pleite und kann teilweise selbst die Schergen seiner Repressionsorgane nicht mehr bezahlen.
Zu den wirtschaftlichen Gründen für die Proteste kommt aber, dass längst die große Mehrheit der Bevölkerung die Mullah-Diktatur ablehnt. Hinweise dafür sind, dass an vielen Orten die Flaggen des Regimes abgerissen und die alten iranischen Fahnen mit Sonne und Löwe aufgehängt werden.
Ein einigen Orten wurden sogar Moscheen angezündet – sie werden von den Demonstranten offenbar als Horte der Diktatur gesehen. Videos von Oppositionellen zeigen ihre abgrundtiefe Abneigung gegenüber dem Islam, den sie teilweise als eine den Iranern aufgezwungene Religion sehen, und eine positive Bezugnahme auf die frühere persische Religion des Zoroastrismus (https://www.youtube.com/watch?v=k7AMz4-m4SM).
Repression und Widerstand
Die islamfaschistische Diktatur sieht ihre Herrschaft bedroht und reagiert mit brutaler Gewalt. Das von Exil-Iranern betriebene Menschenrechtsnetzwerk HRANA sprach am 11. Januar davon, dass 483 Demonstranten und 47 Sicherheitskräfte getötet worden seien. Der israelische Youtuber Tal Oran mit guten Verbindungen zur iranischen Opposition sprach zeitgleich von über 2000 ermordeten Demonstranten.
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Dass auch Schergen des Regimes ums Leben kommen, spricht dafür, dass sich die Menschen nicht einfach abschlachten lassen, dass es entschlossenen Widerstand gibt. Videos zeigen, dass auch Gebäude der berüchtigten „Revolutionsgarden“, den Kerntruppen der Islamfaschisten (vergleichbar mit der SS der Nazis), angezündet wurden. Manche Berichte sagen, dass das Regime die Kontrolle über Städte wie Täbris oder Maschad weitgehend verloren habe.
HRANA berichtet, dass bis 11. Januar rund 10.700 Menschen seien festgenommen worden seien. Das Regime hat zuletzt auch seine propagandistische Gangart verschärft. War anfänglich angesichts von Wasserknappheit etc. noch Verständnis geäußert worden und hatte man die Demonstranten als „Randalierern“ bezeichnet, werden diese nun als „Terroristen“ und „ausländische Agenten“ attackiert.
Die letzte Dynamik ist schwer beurteilen. Einerseits sollen Teile der Polizei nicht mehr zum Einsatz gegen die Bevölkerung bereit gewesen sein. Andererseits sagte das Regime am 12. Januar, dass es alles unter Kontrolle habe. Dass das Internet offenbar seitens der Mullahs wieder freigegeben wird, kann aber auch daran liegen, dass die Demonstranten ohnehin über Elon Musks Starlink Zugang hatten.
Internationale Aspekte
Der Iran ist zwar keine Großmacht, aber doch ein wichtiger Akteur in der Region. Die Einwohnerzahl ist ebenso groß wie der Ölreichtum. 90 Prozent der iranischen Ölexporte gehen nach China, weshalb Streiks in der iranischen Ölindustrie, ein Bürgerkrieg oder ein Regimewechsel im Iran erhebliche Bedeutung für China hat.
Auch für Russland ist der Iran ein wichtiger Bündnispartner gegen westliche Versuche der Einkreisung und ökonomischen Strangulierung. Gleichzeitig ist sowohl für Russland als auch für China die Zusammenarbeit nicht mehr als ein unvermeidliches Zweckbündnis. Die Führungen in Moskau und Peking sind sicherlich keine Fans der religiösen Fanatiker in Teheran – haben sie doch in beiden Ländern ihre eigenen Probleme mit islamischen Extremisten.
Dennoch ist der Iran für Moskau und Peking strategisch zu wichtig, um ihn einfach aufzugeben. Dafür müssten die USA und Israel schon wirklich attraktive Angebote machen – etwa bezüglich der Ukraine oder einer allgemeinen Wiederherstellung von guten Beziehungen. Zuletzt wurde jedenfalls vermehrt von Frachtschiffen berichtet, die vermutlich Raketen von Russland in den Iran brachten. Bemerkenswert ist auch, dass Russland in den vergangenen Tagen seine Botschaft in Israel weitgehend evakuiert hat.
Für Israel ist die Lage im Iran existenziell. Die islamische Diktatur hat sich von Beginn an der Vernichtung des jüdischen Staates verschrieben. Eine Aufrüstung der Mullahs mit Atomwaffen und/oder einem zu großen Arsenal ballistischer Raketen kann und wird Israel nicht widerstandslos hinnehmen. Da große Teile der iranischen Bevölkerung Israel ausgesprochen freundlich gegenüber stehen, bietet ein Regimewechsel die Chance, an den guten israelisch-iranischen Beziehungen von vor der „islamischen Revolution“ 1979 anzuknüpfen.
Donald Trump wiederum hat versprochen, nicht tatenlos zuzusehen, wenn die Mullahs Demonstranten massakrieren. An diesem Wort wird er nun gemessen werden. Allerdings haben die USA gegenwärtig keinen Flugzeugträger in der Region (die meisten sind in der Karibik oder im Pazifik), was gegen eine Orchestrierung der Proteste aus den USA spricht. Das macht eine unmittelbare große Militäraktion der USA unwahrscheinlich, nicht aber gezielte Schläge gegen die politische Führung und Einrichtungen der „Revolutionsgarden“.
Perspektive der Demonstrationen
Bereits 2009, 2017/18 und 2019/20 gab es Demokratiebewegungen im Iran, die gewaltsam niedergeschlagen wurden, 2022 dann den so genannten „Aufstand der Frauen“. Werden die aktuellen Auseinandersetzungen wieder so enden?
Ein Unterschied ist sicherlich, dass das islamfaschistische Regime seitdem geschwächt wurde. Durch die israelischen Militärschläge vom Juni 2025 hat es zahlreiche führende Kader verloren, der Militär- und Repressionsapparat ist angeschlagen, eine Mehrheit von wohl 70 oder 80 Prozent der Bevölkerung gegen die Mullahs eingestellt.
Das heißt aber nicht automatisch, dass das Regime stürzen wird. Eine Diktatur kann, wenn sie 20 oder 30 Prozent der Bevölkerung und verlässliche Unterdrückungsstrukturen hinter sich hat und wenn die oppositionelle gestimmte Mehrheit keine Organisationsstrukturen hat, ihre Herrschaft behaupten.
Wie sieht es mit solchen Strukturen aus? Die beiden vorherrschenden Exilgruppen sind einerseits die Schah-Anhänger und andererseits die so genannten Volksmudschahedin (abgekürzt meist als MEK), eine ursprünglich marxistisch-islamische Bewegung, die aber seit gut 20 Jahren eng mit den USA kooperiert. Beide dürften im Land zwar einige Anhänger, aber kaum nennenswerte organisierte Strukturen besitzen. Vermutlich gibt es unabhängig von den Exilströmungen etliche lokale Anführer, die klandestin agieren, aber kaum landesweit vernetzt sind.
„Antiimperialistische“ Helfer der Mullah-Diktatur empören sich darüber, dass israelische „Mossad-Agenten“ in der Bewegung die Fäden ziehen würden. Das ist heuchlerisch, denn es handelt sich in der Regel um dieselben Leute, die es völlig in Ordnung finden, wenn Katar, der Iran und die Türkei die propalästinensischen Demos im Westen und generell die Islamisierung Europa finanzieren und orchestrieren.
Ganz im Gegenteil wäre es ausgezeichnet, wenn Israel einen Regime Change im Iran nicht nur begrüßen, sondern aktiv betreiben würde – durch die fortgesetzte Zerstörung des iranischen Repressionsapparates und durch die Bewaffnung von Oppositionellen. Es ist zu hoffen, dass der Mossad unter all den säkularen, demokratischen und antiislamischen Iranern den Aufbau von Organisationsstrukturen unterstützt, die Widerstand leisten und eine Gegenmacht aufbauen können.
Um einem billigen Einwand zu entgegnen: Mit anderen von den USA betriebenen Regimewechseln wäre das kaum vergleichbar, denn in den anderen Ländern wurden säkulare Regime (teilweise mit Hilfe von Islamisten) geputscht, im Iran steht eine große Bevölkerungsmehrheit gegen die islamische Diktatur. Ein Sturz des Mullah-Regimes in Teheran wäre ein Schlag gegen den islamischen Extremismus weltweit.
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