Allah statt Volkssouveränität: Die Wahrheit über Mohammeds „Verfassung von Medina“

Seit Jahren wird die sogenannte „Verfassung von Medina“ als Beleg dafür herumgereicht, dass Demokratie, religiöser Pluralismus und Verfassungsstaatlichkeit bereits im frühen Islam angelegt gewesen seien. Mohammed erscheint in dieser Erzählung beinahe als arabischer Verfassungsvater. Der tatsächliche Text zeigt eine völlig andere Ordnung: Die höchste Autorität liegt bei Allah und seinem Gesandten. Von Volkssouveränität findet sich keine Spur.
Symbolbild KI / HS

Rund 1.400 Jahre bevor moderne Demokratien ihre Verfassungen schrieben, soll Mohammed im arabischen Medina bereits einen pluralistischen Staat geschaffen haben, in dem Moslems, Juden und andere Gruppen unter einem gemeinsamen Verfassungsdach lebten. Manche Darstellungen sprechen sogar von der ersten geschriebenen Verfassung der Menschheitsgeschichte. Der Islam erhält damit nachträglich demokratische Wurzeln, die bis ins 7. Jahrhundert zurückreichen sollen. Mario Alexis Portella hat diese Erzählung jüngst im European Conservative aufgegriffen und kritisch zerlegt. Schon die Bezeichnung „Verfassung“ verfälscht jedoch den Blick auf das historische Dokument. https://europeanconservative.com/articles/commentary/medina-constitution-myth-of-islams-democratic-origins/

Schon der Name führt in die Irre

Der Islamwissenschaftler Michael Lecker hat dem Dokument eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung gewidmet. In der 2024 erschienenen zweiten Auflage seiner Arbeit bezeichnet er die bekannte Benennung als „Constitution of Medina“ ausdrücklich als irreführend. Lecker verwendet im Text den neutraleren arabischen Begriff Kitāb, also Schriftstück oder Dokument. Das ist keine akademische Wortklauberei. Wer heute „Verfassung“ hört, denkt an Grundrechte, Gewaltenteilung, Begrenzung staatlicher Macht, politische Mitsprache und geregelte Institutionen. Diese Vorstellungen werden mit dem modernen Begriff in eine arabische Stammesordnung des 7. Jahrhunderts hineingelesen. https://www.cambridge.org/core/books/abs/constitution-of-medina/introduction/8103CAF3AD9EDDE8AD5059F052CC3752

Auch in der Forschung ist umstritten, ob der überlieferte Text ursprünglich überhaupt ein geschlossenes Dokument bildete. Der Arabist R. B. Serjeant zerlegte das Material in acht verschiedene Vereinbarungen, die seiner Auffassung nach zu unterschiedlichen Zeitpunkten während Mohammeds Medina-Periode entstanden. Seine Einschätzung fiel deutlich aus: Das Ganze sei „natürlich überhaupt keine Verfassung“. Lecker hält die frühe Herkunft und die weitgehend ursprüngliche Gestalt des Kitāb für plausibel und behandelt den Text stärker als Einheit. Für die politische Bewertung spielt dieser Streit kaum eine Rolle. Selbst ein echtes, frühes und weitgehend vollständig überliefertes Dokument aus Mohammeds Zeit liefert keinen Beweis für Demokratie. https://www.cambridge.org/core/journals/bulletin-of-the-school-of-oriental-and-african-studies/article/abs/sunnah-jamiah-pacts-with-the-yathrib-jews-and-the-tahrim-of-yathrib-analysis-and-translation-of-the-documents-comprised-in-the-socalled-constitution-of-medina/85222E518E34437AD5261C2A9200C0F0

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Lecker datiert das Kitāb wahrscheinlich in das erste Jahr nach Mohammeds Hidschra nach Yathrib, dem späteren Medina, also in die Zeit um 622. Der Text regelte die Beziehungen zwischen Mohammeds Anhängern aus Mekka, verschiedenen Gruppen in Yathrib und jüdischen Gemeinschaften. Er behandelt Schutzpflichten, Blutgeld, Gefangenenlösegeld, Stammesorganisation, Krieg und Frieden. Das Dokument gehört damit in die politische Welt von Bündnissen, Loyalitäten, Schutzverhältnissen und religiös gebundenen Gemeinschaften. Parlamentarismus, Gewaltenteilung oder Volkssouveränität sucht man darin vergeblich. https://www.cambridge.org/core/books/abs/constitution-of-medina/when-was-the-kitab-concluded/5E45B10329ED0F3704761B57C275269D

Wer besitzt die höchste Autorität?

Ob eine Ordnung demokratisch ist, entscheidet sich an der Quelle politischer Macht. Im demokratischen Verfassungsstaat geht die Staatsgewalt von den Bürgern aus. Regierungen können gewählt und abgewählt, Gesetze geändert und Machthaber durch Institutionen begrenzt werden. Kein Regierungschef besitzt aufgrund göttlicher Sendung eine politische Autorität, die dem Zugriff der Bürger entzogen wäre.

Im Medina-Dokument gilt ein anderes Prinzip. Gleich zu Beginn wird die Gemeinschaft der Gläubigen als eigene Umma definiert. Leckers Textfassung nennt Mohammeds Anhänger aus Quraisch und Yathrib sowie jene, die sich ihnen anschließen und mit ihnen kämpfen. Sie bilden eine Gemeinschaft gegenüber den übrigen Menschen. Religion, politische Zugehörigkeit und Loyalität verschmelzen zu einer Einheit. https://www.cambridge.org/core/books/abs/constitution-of-medina/treaty-of-the-muminun/09B028CCF561672E51449A3FABAF3233

Bei schweren Streitigkeiten wird die Machtfrage noch eindeutiger. Das Kitāb verweist deren Entscheidung auf Allah und Mohammed. Mohammed steht damit als religiös legitimierte Entscheidungsinstanz über den beteiligten Gruppen. Seine Autorität beruht auf seinem Anspruch, der Gesandte Gottes zu sein. Eine Trennung von religiöser und politischer Herrschaft existiert hier nicht. Die Hierarchie führt von Allah über seinen Propheten zur Gemeinschaft.

Selbst das islamische Yaqeen Institute beschreibt diesen Punkt offen. Der Islamwissenschaftler Ovamir Anjum erklärt in seiner Untersuchung des Medina-Dokuments, dass Mohammeds Autorität vor allem aus seiner göttlichen Mission hervorging. Juden und Polytheisten hatten Mohammed weder gewählt noch konnten sie ihn abwählen oder seine religiöse Mission verändern. Eine Verfassung im heutigen Sinn, die den Souverän institutionell begrenzt, erkennt auch Anjum in Medina nicht. Ausgerechnet eine islamische apologetische Institution widerspricht damit der westlichen Erzählung, aus dem Kitāb lasse sich eine frühe Demokratieurkunde machen. https://yaqeeninstitute.org/read/paper/the-constitution-of-medina-translation-commentary-and-meaning-today

Mohammed war Prophet, politischer Führer, Gesetzgeber und letzte Autorität seiner Gemeinschaft. Er stand nicht an der Spitze eines parlamentarischen Systems, war keiner vom Volk gesetzten Verfassung unterworfen und konnte von den Bewohnern Medinas nicht abgewählt werden. Ihn nachträglich zum frühen Verfassungsvater westlichen Zuschnitts umzudeuten, ist Geschichtsklitterung. Mohammed war kein George Washington Arabiens.

Duldung ist keine Gleichberechtigung

Als Beleg für den angeblich pluralistischen Charakter Medinas werden regelmäßig die jüdischen Gruppen angeführt. Das Kitāb gewährte bestimmten jüdischen Vertragspartnern Schutz und ließ ihnen ihre Religion. Zugleich blieben sie als eigene religiöse und politische Gruppen von der Gemeinschaft der Gläubigen getrennt. Während eines Krieges hatten sie sich an den gemeinsamen Kosten zu beteiligen; einzelne Bestimmungen banden zudem politische und militärische Entscheidungen an Mohammeds Autorität. Von einer Gemeinschaft gleichberechtigter Bürger nach modernem Verständnis kann keine Rede sein. https://www.cambridge.org/core/books/abs/constitution-of-medina/treaty-of-the-jews/F7F296C50E3A0F4FEE1EBB61FEBD7907 https://yaqeeninstitute.org/read/paper/the-constitution-of-medina-translation-commentary-and-meaning-today

Hinzu kommt, dass die jüdische Beteiligung am Kitāb offenbar weit weniger umfassend war, als die Erzählung von einer großen multireligiösen „Verfassung Medinas“ vermuten lässt. Michael Lecker kommt in seiner Untersuchung zu dem Ergebnis, dass die bedeutenden jüdischen Stämme Banū Naḍīr, Banū Qurayẓa und Banū Qaynuqāʿ nicht zu den Vertragsparteien dieses Dokuments gehörten. Sie verfügten demnach über eigene Abkommen mit Mohammed. Damit schrumpft das gern beschworene Bild einer gemeinsamen Verfassungsordnung aller großen Religionsgemeinschaften Medinas erheblich zusammen. https://www.cambridge.org/core/books/abs/constitution-of-medina/jewish-participants/8BF31AF89DBD0F8DBD043E153BF2780C

Auch die weitere Entwicklung führt nicht in Richtung moderner staatsbürgerlicher Gleichheit. Eine Jizya war im frühen Medina-Vertrag noch nicht vorgesehen. Mit der Ausweitung der islamischen Herrschaft entstand jedoch die Dhimma-Ordnung für Juden, Christen und andere anerkannte Nichtmoslems. Sie erhielten Schutz und das Recht, ihre Religion innerhalb bestimmter Grenzen auszuüben, standen rechtlich jedoch unter einer islamischen Herrschaftsordnung und mussten die Jizya entrichten. Moslems und Nichtmoslems bildeten damit keine politisch gleichgestellte Bürgerschaft. https://yaqeeninstitute.org/read/paper/the-constitution-of-medina-translation-commentary-and-meaning-today

Diese Sonderstellung erhielt eine ausdrückliche koranische Grundlage. Sure 9:29 fordert den Kampf gegen Angehörige der „Leute der Schrift“, bis sie die Jizya entrichten. Die Schlussformulierung des Verses wird in verbreiteten englischen Übersetzungen unter anderem mit „while they are humbled“, „being brought low“ oder „in a state of subjection“ wiedergegeben. Das beschreibt eine Hierarchie zwischen der herrschenden islamischen Ordnung und den abgabepflichtigen Nichtmoslems. Mit politischer Gleichberechtigung nach westlichem Verfassungsverständnis hat diese Ordnung nichts gemein. https://corpus.quran.com/translation.jsp?chapter=9&verse=29

Der historische Verlauf ist damit eindeutig: Bereits das Medina-Kitāb organisierte Gläubige und jüdische Vertragspartner als getrennte Gruppen mit unterschiedlichen Bindungen und Rollen. Die spätere islamische Rechtsordnung machte diese Trennung noch deutlicher und schuf mit Dhimma und Jizya einen eigenen Rechtsstatus für Nichtmoslems. Eine Entwicklung von Medina zu universellen gleichen Bürgerrechten findet sich darin nicht. Daraus eine moderne politische Gleichberechtigung abzuleiten, ist eine historische Begriffsfälschung. Ein Schutzvertrag schafft keine Volkssouveränität. Religiöse Duldung schafft keine gleiche politische Stellung. Und getrennte Rechtskategorien für Moslems und Nichtmoslems ergeben keinen liberalen Verfassungsstaat. https://www.cambridge.org/core/books/abs/constitution-of-medina/muminun-yahud-muhajirun-and-muslimun/A42E60084A77206A090D4B4431FEE0E3

Der moderne Taschenspielertrick funktioniert über die Sprache. Verträge zwischen religiösen Gruppen werden zu „Pluralismus“, Schutzvereinbarungen zu „Bürgerrechten“, Duldung zu „Gleichberechtigung“ und Mohammeds Herrschaft zu „constitutional governance“. Aus einer religiös gegliederten Ordnung mit Mohammed als maßgeblicher Autorität entsteht so rückwirkend eine angebliche Vorstufe westlicher Demokratie. Dafür muss man nur die politischen Begriffe des 7. Jahrhunderts austauschen und durch das Vokabular des 21. Jahrhunderts ersetzen.

Wozu die Medina-Legende heute dient

Der Streit um Medina ist deshalb weit mehr als eine historische Fußnote. Die Erzählung erfüllt eine politische Funktion. Sie verwischt den Gegensatz zwischen göttlich gesetzter Herrschaftsnorm und menschlicher Volkssouveränität. Mohammeds religiös legitimierte Führung wird zur verfassungsmäßigen Regierung umetikettiert, ein Bündnissystem wird zur pluralistischen Bürgergesellschaft und begrenzte religiöse Autonomie verwandelt sich in moderne Gleichberechtigung. So entsteht ein früher Islam, der erstaunlich genau die politischen Werte des heutigen Westens vorweggenommen haben soll. Am Ende bleibt ein politisch brauchbares Konstrukt, das mit der historischen Ordnung Medinas immer weniger gemein hat.

Auch Anjum warnt vor der modernen Überhöhung des Medina-Dokuments. Es habe in der heutigen muslimischen Vorstellung eine übergroße Bedeutung erhalten und werde für sehr unterschiedliche politische Zwecke herangezogen. Die Vorstellung, darin die erste geschriebene Verfassung der Welt zu erkennen, geht vor allem auf Muhammad Hamidullah zurück, der das Dokument mit Begriffen moderner Politikwissenschaft beschrieb. Lecker hält gerade diese Terminologie für irreführend. https://yaqeeninstitute.org/read/paper/the-constitution-of-medina-translation-commentary-and-meaning-today

Für die Widerlegung der Demokratie-Legende braucht es keine Spekulation über die Echtheit des Dokuments. Das Kitāb selbst reicht aus. Es beschreibt eine religiös definierte Gemeinschaft, verbindliche Loyalitäten, Regeln für Krieg und Frieden, Schutzvereinbarungen und Allah sowie Mohammed als höchste Instanz bei schweren Streitfragen. Das Kitāb enthält Schutzvereinbarungen, Bündnispflichten und Regeln für unterschiedliche Gruppen. Daraus moderne Bürgerrechte, politische Gleichheit oder Volkssouveränität abzuleiten, ist historische Begriffsfälschung.

Allah oder das Volk

Am Ende führt alles zu einer Grundfrage: Wer besitzt die höchste politische und rechtliche Autorität? Können Bürger ihre Gesetze grundsätzlich selbst bestimmen und verändern, oder existiert ein göttlicher Gesetzgeber, dessen Normen menschlicher Abstimmung entzogen sind? Der demokratische Verfassungsstaat verankert die höchste politische Legitimation bei den Bürgern. Mohammeds Medina folgte dem Gegenprinzip. Die letzte Autorität lag bei Allah und seinem Gesandten. Mohammeds religiöse und politische Stellung stand nicht zur Abstimmung.

Gerade deshalb taugt die „Verfassung von Medina“ nicht als Beweis für demokratische Ursprünge des Islam. Sie dokumentiert, wie eng religiöse Verkündung, politische Gemeinschaft und Herrschaft bereits in der Frühphase des Islam miteinander verbunden waren. Wer daraus eine islamische Urform westlicher Demokratie machen will, muss den Text schon extrem überinterpretieren. In Medina ging die höchste Autorität nicht vom Volk aus. Sie lag bei Allah und seinem Gesandten.

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