In den Gender-Diskussionen geht es längst nicht mehr nur darum, als was sich Menschen fühlen können. Die woken Teile der Wissenschaft stellen auch auf biologischer Ebene die Zweigeschlechtlichkeit in Frage.
Sie hantieren mit sogenannten Spektrum- oder Mehrebenenmodelle und verweisen auf Chromosomenvarianten, intergeschlechtliche Entwicklungen, unterschiedliche Hormonprofile und anatomische Besonderheiten. Weil diese Merkmale nicht immer geschlossen in zwei vollkommen einheitlichen Paketen auftreten, könne auch das biologische Geschlecht nicht ausschließlich männlich oder weiblich sein.
Die Grundthese
Der US-Evolutionsbiologe Colin Wright vom Manhatten Institute hat dazu einen viel beachteten Fachkommentar „Why There Are Exactly Two Sexes“ verfasst. Darin sagt er nicht nur, dass es Spermien und Eizellen gibt. Er zeigt vielmehr auf, warum die fünf wichtigsten Modelle gegen die biologische Zweigeschlechtlichkeit aus seiner Sicht auf Kategorienfehlern beruhen. Chromosomen, Hormone, Genitalien und andere Merkmale könnten die Geschlechtsentwicklung steuern, anzeigen oder atypisch ausgeprägt sein. Sie seien aber nicht selbst jeweils ein eigenes Geschlecht.
Der Autor fasst evolutions- und entwicklungsbiologische Literatur zusammen und prüft verschiedene Argumente gegen die biologische Zweigeschlechtlichkeit. Er führt aus:
Bei Arten mit „anisogamer Fortpflanzung“ existieren zwei unterschiedlich große Keimzellen. Das bedeutet, dass bei der Fortpflanzung eine kleine und eine große Keimzelle miteinander verschmelzen. Kleine Gameten sind Spermien, große Gameten sind Eizellen. Männlich bezeichnet also die Fortpflanzungsklasse, deren reproduktives System auf die Produktion von Spermien ausgerichtet ist, weiblich jene, deren System auf die Produktion von Eizellen ausgerichtet ist. Da kein dritter Gametentyp existiert, gebe es auch kein drittes biologisches Geschlecht.
Defekte ändern nichts am Prinzip
Das bedeutet nicht, dass jeder Mann tatsächlich Spermien und jede Frau zu jedem Zeitpunkt Eizellen produziert. Kinder sind vor der Geschlechtsreife noch nicht fortpflanzungsfähig. Manche Menschen sind unfruchtbar. Frauen produzieren nach den Wechseljahren keine reifen Eizellen mehr.
Wright spricht deshalb von der biologischen Funktion, auf welche das Fortpflanzungssystem ausgerichtet ist. Ein defektes oder nicht mehr funktionsfähiges Organ verliert dadurch nicht seine grundsätzliche biologische Einordnung.
Auch ein verkrüppeltes Bein ist ein Bein. Ein Herz bleibt auch dann ein Herz, wenn es seine Funktion aufgrund einer Erkrankung nicht mehr ausreichend erfüllt.
Nach dieser Definition bezeichnet „männlich“ also nicht jede denkbare Eigenschaft eines Mannes und „weiblich“ nicht jedes äußerlich sichtbare Merkmal einer Frau. Die Begriffe benennen zwei Fortpflanzungsklassen.
Pilze als Gegenargument?
Der Verfechter vieler verschiedener Geschlechter argumentieren, dass manche Pilze und Schleimpilze über hunderte oder tausende Geschlechter verfügen. Für Wright ist das ein Kategorienfehler. Bei diesen Organismen handelt es sich häufig nicht um unterschiedliche Geschlechter, sondern um sogenannte Paarungstypen. Sie legen fest, welche genetisch oder molekular unterschiedlichen Zellen miteinander kompatibel sind.
Bei solchen Arten können die Keimzellen gleich groß sein. Das wird als Isogamie bezeichnet. Die verschiedenen Paarungstypen sind dann eine Art biologisches Kompatibilitätssystem – aber nicht mit männlich und weiblich gleichzusetzen.
Dort, wo die Fortpflanzung über eine kleine und eine große Keimzelle erfolgt, bleibe es hingegen bei zwei Geschlechtern. Hunderte Paarungstypen erzeugten nicht automatisch Hunderte neue Gametentypen.
Sonderformen bei Chromosomen
Ein weiteres Argument betrifft die Chromosomen. In vereinfachten Darstellungen heißt es häufig: XX bedeutet weiblich, XY bedeutet männlich. Tatsächlich gibt es jedoch auch Menschen mit anderen Chromosomenkonstellationen.
Beim Klinefelter-Syndrom liegt beispielsweise häufig XXY vor, beim Turner-Syndrom nur ein X-Chromosom. In seltenen Fällen entwickeln sich Menschen mit XX-Chromosomen männlich oder Menschen mit XY-Chromosomen weiblich. Für Wright widerlegen diese Fälle die biologische Zweigeschlechtlichkeit nicht.
Chromosomen, Gene und Hormone beeinflussen beim Menschen die Entwicklung des Fortpflanzungssystems. Das Ergebnis bleibt laut Wright dennoch auf zwei Fortpflanzungsfunktionen bezogen, nämlich auf die Produktion kleiner oder großer Gameten. Chromosomenvariationen sind deshalb Variationen innerhalb dieser Entwicklung und keine zusätzlichen Geschlechter.
Fälle unklarer Zuordnung
Auch Unterschiede oder Störungen der Geschlechtsentwicklung, die oft unter der Abkürzung DSD zusammengefasst werden, gelten Transgenderisten als Beleg dafür, dass biologische Geschlechter ein Spektrum seien. Dabei können Chromosomen, Keimdrüsen, Hormone oder äußere Geschlechtsmerkmale ungewöhnlich entwickelt sein. In einzelnen Fällen ist eine Einordnung tatsächlich schwierig.
Das bestreitet Wright nicht. Er schreibt sogar ausdrücklich, dass die Annahme zweier biologischer Geschlechter nicht bedeute, jeder einzelne Mensch könne in jedem Fall sofort und ohne medizinische Schwierigkeiten eindeutig zugeordnet werden.
Aber, so sein Einwand, einzelne Fälle schwieriger Zuordnung, erzeugen keine weiteren Kategorien. Auch eine atypische Entwicklung führt nicht zu einer dritten Keimzelle zwischen Spermium und Eizelle. Eine körperliche Abweichung von den typischen Entwicklungswegen widerlege daher nicht automatisch die zwei grundlegenden Fortpflanzungsklassen.
Binär bedeutet in Wrights Argumentation nicht, dass jeder körperliche Bestandteil eines Menschen ausnahmslos eindeutig und vollkommen typisch ausgebildet sein muss. Es bedeutet, dass es zwei Arten von Gameten und damit zwei darauf bezogene Fortpflanzungsfunktionen gibt.
Geschlecht als Eigenschaftensammelsurium?
Andere woke Wissenschaftler schlagen vor, Geschlecht nicht anhand eines einzelnen Kriteriums, sondern als Bündel zahlreicher Merkmale zu betrachten. Dazu zählen dann Chromosomen, Keimdrüsen, Hormone, innere und äußere Geschlechtsorgane, sekundäre Geschlechtsmerkmale, Körperbau, Gehirnstrukturen, Verhalten und mitunter auch die Geschlechtsidentität.
Eine Person könnte demnach auf der chromosomalen Ebene männlich, auf hormoneller Ebene teilweise weiblich, anatomisch uneindeutig und hinsichtlich ihrer Identität nichtbinär sein. Geschlecht wird dadurch zu einem mehrdimensionalen Profil. Wright hält solche Modelle zur Beschreibung unterschiedlicher körperlicher Eigenschaften einzelner Personen durchaus für brauchbar. Als Definition des biologischen Geschlechts seien sie aber zirkulär.
Denn: Denn um ein bestimmtes Merkmal überhaupt als „männlich typisch“ oder „weiblich typisch“ einordnen zu können, müsse man vorher bereits wissen, welche Menschen männlich und welche weiblich sind. Die Eigenschaften würden also anhand bestehender Geschlechtskategorien sortiert und anschließend verwendet, um genau diese Kategorien neu zu definieren. Das Modell setze damit jene Unterscheidung voraus, die es eigentlich ersetzen wolle.
Ein Spektrum wovon?
In der Diskussion geht es nicht darum, ob menschliche Körper vielfältig sind. Das bestreitet Wright keineswegs. Umstritten ist vielmehr, ob unterschiedliche Chromosomenkonstellationen, Hormonprofile oder Varianten der Geschlechtsentwicklung einzelner Menschen zusätzliche biologische Geschlechter begründen.
Vertreter des Spektrum-Modells beantworten diese Frage mit Verweis auf die möglichen Kombinationen körperlicher Merkmale mit Ja. Wright hält dagegen: Diese Merkmale können die Geschlechtsentwicklung beeinflussen, sie anzeigen oder atypisch ausgeprägt sein – sie schaffen aber keinen dritten Gametentyp und damit auch keine dritte Fortpflanzungsklasse.
Auf den Punkt gebracht: Ein Spektrum geschlechtlicher Merkmale ist noch kein Spektrum biologischer Geschlechter.
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