Islamische Herrschaftsstrategie unter westlicher Vorherrschaft – Teil 1

Die islamische Verarbeitung der westlichen Überlegenheit und die Herausbildung der Muslimbruderschaft. Die Strategie der Islamisierung in den europäischen Zuwanderungsländern. Das Konzept der Mitte als Handlungsgrundlage der Muslimbruderschaft in Europa. Muslimbrüder-nahe islamische Vorhutakteure in Deutschland. Teil 1/3.
Yuli Weeks for VOA, Public domain, via Wikimedia Commons

Der Islam gilt in den vordergründig-oberflächlichen Diskursen, wie sie in der politischen und medialen Öffentlichkeit westlicher Länder zählebig dominieren, gemeinhin und ohne nähere Reflexion als „Religion“. Und als „Religion“ falle der Islam – so die deutsche Version dieser fatalen Fehleinschätzung – unter den Deckungsschutz der Religionsfreiheit gemäß Artikel 4, (1) und (2) Grundgesetz.

Dabei wird in dieser verkürzten und unreflektierten Weise „Religion“ in unserem (europäisch-postaufklärerischen) Alltagsverstand herkömmlich als gesellschaftlich unverbindlicher, nur noch individueller/privater Glaube an die Existenz eines personalen Schöpfergottes angesehen, auf den sich die gläubigen Menschen in jenseitsbezogenen rituellen (gottesdienstlichen) Praktiken beziehen. Doch ist es gänzlich verfehlt, diesen naiv-oberflächlichen Religionsbegriff, wie er sich nach der Überwindung der christlichen Deutungs- und Normierungsherrschaft in Europa entwickelt hat, auf den Islam zu projizieren.

So ist auch im Verständnis des deutschen Grundgesetzes „Religion“ als modernisierte „Privatreligion“ unterstellt, die infolge des revolutionären Säkularisierungsprozesses im Rahmen des Übergangs von der feudalgesellschaftlichen Vormoderne zur bürgerlich-kapitalistischen Moderne keinen absoluten Geltungs- und Gehorsamsanspruch mehr erhebt/erheben kann und von Politik und Recht klar getrennt ist. Ein solches modernes, individualrechtliches Religionsverständnis kann aber nicht unversehens auf den Islam übertragen werden. Denn: „Den Religionswandel des Christentums in Richtung einer Privatisierung der Religion als Folge der Moderne, d. h. die Säkularisierung, lassen selbst liberale Muslime für den Islam nicht zu“ (Tibi 1996, S. 231).

Werbung

 


Die Impf-Mafia
von  Helmut Sterz

€ 24,00

 

Hier bei Amazon bestellen >>



Tatsächlich ist der Islam als Sonderform einer monotheistischen Weltanschauung nicht einfach eine „Religion“, sondern eine religiöse Ideologieform, die den Glauben an einen Schöpfergott mit einem absoluten gesellschaftlichen Herrschaftsanspruch verbindet.

Im Einzelnen weist diese monotheistische Ideologieform drei konstitutionslogische Grundkomponenten auf:

(a) die unbewiesene/unbeweisbare Behauptung der Existenz eines Schöpfergottes;

(b) die Behauptung einer Offenbarung des Willens dieser angeblich existierenden Gottheit sowie

(c) den Drang nach weltlicher (diesseitiger) Normierung der Gesellschaft und der Individuen gemäß dieser unbewiesenen/unbeweisbaren Willensoffenbarung.

D. h.: Aus der unbewiesenen Gottesbehauptung wird ein absolut und universell verbindlicher Vorschriftenkatalog abgeleitet, dem sich alle Menschen unterwerfen müssen. Dabei lautet die für die islamische Herrschaftslehre spezifische Basisbehauptung: Allah (der „Weltenherr“) existiert, er hat die Welt erschaffen und sein Wille geschehe.


In Gestalt des Islam wird damit die religiöse Selbstentfremdung des Menschen auf die Spitze getrieben und mit einem absoluten/universellen Herrschaftsanspruch verbunden.

In den islamischen Quellentexten (Koran, Hadithsammlung, Sira/Prophetenbiographie, Scharia) wird dieser absolute diesseitsbezogene Herrschaftsanspruch als „göttlicher Wille“ Allahs hypostasiert und kategorisch zum Ausdruck gebracht. Sehr klar kommt der islamische Überlegenheits- und Führungsanspruch in Sure 3, Vers 110 des Korans zum Ausdruck:

„Ihr (Gläubigen) seid die beste Gemeinschaft, die unter den Menschen entstanden ist (w. die den Menschen hervorgebracht worden ist). Ihr gebietet, was recht ist, verbietet, was verwerflich ist, und glaubt an Gott“.

Auch Sure 3, Vers 9 benennt sehr klar den Absolutheits- und unverhandelbaren Unterwerfungsanspruch des Islam:

„Als (einzig wahre) Religion gilt bei Gott der Islam“.

Eine angeblich (von Buchari und Muslim) überlieferte Aussage des Propheten Mohammed lautet:


„Mir wurde befohlen, die Menschen (arab. an-nas) solange zu bekämpfen, bis sie ‚Es gibt keinen Gott außer Allah‘ sagen. Wenn sie es gesagt haben, so bewahren sie ihr Leben und ihre Güter vor mir, es sei denn, sie begehen eine nach dem Islam strafbare Handlung; und ihre Rechenschaft ist (letzten Endes) bei Allah.“[1]

Und in einem weiteren Hadith wird der folgende Spruch Mohammeds wiedergegeben:

„Ich bin vor der Stunde (d. h. dem Tag der Auferstehung) gesandt worden mit dem Schwert, bis Allah der Erhabene allein ohne Beigesellung angebetet wird. Und meine Versorgung wurde mir im Schatten meines Speeres gegeben; und demjenigen, der sich meinem Befehl widersetzt, ist Erniedrigung und Unterwürfigkeit beschieden.“[2]

Betrachten wir den Gesamtinhalt der islamischen Weltanschauung, so zeigt sich immer wieder ein absoluter und universeller (modern gesagt: totalitärer) Herrschaftsanspruch als alles durchdringender und zusammenhangsstiftender Grundzug. Der Islam fungiert damit als Drehbuch bzw. religiös verbrämte Programmiersprache eines kulturspezifischen Systems zwischenmenschlicher Herrschaftsverhältnisse mit einem globalen Durchsetzungsanspruch.

Das zentrale Hindernis, das der im Koran festgelegten islamischen Weltherrschaft entgegensteht und die absolute Geltungsmacht der islamischen Weltanschauung einschränkt, ist die im Grunde gotteslästerliche Existenz von „Ungläubigen“, die sog. Kuffar. Als Feinde der islamischen Weltherrschaft und des umfassenden Islamisierungsstrebens sind die „Ungläubigen“ als Objekte der Bekämpfung, Tötung, Schmähung, Herabwürdigung etc. herausragendes und übergreifendes Kernthema der islamischen Quellen. „Der Koran widmet 64 % seines Texts den Ungläubigen und die Trilogie als Ganzes (Koran, Hadithsammlung und Prophetenbiographie, H. K.) beschäftigt sich mit 60 % ihres Gesamttexts mit den Ungläubigen.“ (Bill Warner 2013, S. 8f.).

Da Nichtunterwerfung und Widerstand gegen den islamischen Herrschaftsanspruch als Handlungen gegen Gott/Allah grundsätzlich ausgeschlossen sind und die Lebensordnung, ja die pure Existenz der Kuffar gegen Allahs Gesetz verstößt, ist es erlaubt, ja gemäß den islamischen Quellenaussagen geboten – natürlich immer in Abhängigkeit von konkret vorliegenden Kräfteverhältnissen – „Ungläubige“ zu töten, zu versklaven, zu berauben, zu foltern, zu betrügen, zu verspotten etc.; kurzum: als minderwertig zu behandeln. Dabei besitzen die „Ungläubigen“ im islamischen Diskurs den Status von Untermenschen. So heißt es in Sure 8, Vers 55:

„Siehe, schlimmer als das Vieh sind bei Allah die Ungläubigen, die nicht glauben.“ (Koranausgabe Rudolph/Werner)

„Als die schlimmsten Tiere gelten bei Gott diejenigen, die ungläubig sind und (auch) nicht glauben werden.“ (Koranausgabe Paret)

Als Voraussetzung für die Errichtung der muslimischen Weltherrschaft zielt der Islam letztendlich ab auf die totale Vernichtung aller nichtmuslimischen Lebens- und Bewusstseinsformen, also auf die Ausmerzung alles Unislamischen:

„Und kämpft gegen sie, bis … nur noch Gott verehrt wird (bzw. die Religion Allah gehört, H. K.)“ (Sure 2, 193 sowie Sure 8, 39)

Generell sind die autoritativen Texte des Islam eine permanent und vielfältig sprudelnde Legitimationsquelle von muslimischen Gewalthandlungen gegen Ungläubige, Frauen, Abtrünnige, Abweichler aller Art im Sinne der totalitären Herstellung der islamischen Herrschaftsordnung[3].

I. Die islamische Verarbeitung der westlichen Überlegenheit und die Herausbildung der Muslimbruderschaft

Während der frühislamischen imperialen Expansion sowie der mittelalterlichen Glanzperiode schien die islamische Selbstbespiegelung die „beste von Gott erschaffene Gemeinschaft unter der Menschheit“ zu sein, die sich auf dem Weg zur globalen Herrschaft befinde, ihre Entsprechung in der Wirklichkeit zu finden. Seit der Niederlage der osmanisch-türkischen Armeen, die mit den Verträgen von Karlowitz (1699) und Passorowitz (1718) besiegelt wurde, setzte dann allerdings ein schmerzlicher Wahrnehmungsprozess ein, in dessen Spannweite nicht die eigene, sondern die fremde (‚westlich-abendländische‘) Kultur in Gestalt von ‚moderner‘ (Waffen-)Technik und Wissenschaft, kriegerisch-kolonialistischer Durchsetzungs- und Behauptungsfähigkeit, ökonomischer Potenz etc. als überlegen und übermächtig erfahren wurde und wird. D. h. der nach universeller Herrschaft strebende Islam sieht sich, spätestens seit dem Einfall Napoleons in Ägypten (1798) und dem Zerfall des osmanischen Reiches, durch den ‚überlegenen‘ Westen in seinen elementaren (identitätsbildenden) Herrschaftsambitionen blockiert.

Während folglich im Selbstverständnis der streng gläubigen Muslime der Islam bzw. die im Koran fixierte Offenbarung den End- und Höhepunkt allen menschlichen Wissens darstellt und die Umma offenbarungsgemäß die beste aller menschlichen Gemeinschaften bildet, steht die weltweite politisch-militärische Vorherrschaft und ökonomisch-technologische Überlegenheit der westlich-nichtislamischen Zivilisation dazu in einem eklatanten Widerspruch.

Zudem rief und ruft das koloniale und postkoloniale Eindringen des westlichen Industriekapitalismus mit seiner rational-säkularen Wissens- und Wertekultur eine systematische Erschütterung der autochthonen islamischen Herrschaftsverhältnisse, Sozialbeziehungen und subjektiven (theozentristischen) Überzeugungen hervor. Angesichts dieser gravierenden objektiven Umwälzungsprozesse und der dadurch hervorgerufenen Widerspruchs- und Krisenerfahrungen fand in breiten Sektoren der muslimischen Gesellschaften eine Transformation bzw. Neuanpassung des überlieferten islamischen Bedeutungssystems an die negativ veränderte Wirklichkeit statt.

Während die traditionell-orthodoxen Kräfte angesichts der westlichen ‚Überfremdung‘ zunächst überwiegend in einer defensiv-abwehrenden Position des reinen Bewahren-Wollens der überlieferten Herrschaftsverhältnisse verharrten, traten die sog. islamischen „Modernisten“ zwar vordergründig für eine „Erneuerung“ ein, die sich bei näherer Betrachtung aber als regressiv-aktivistische Verteidigung/Behauptung der islamischen Herrschaftskultur entpuppt. Dabei wurden bereits die folgenden, für das spätere „islamistische“ Denken[4] grundlegenden Positionen artikuliert:

a) eine dämonisierende Abwehr der Grundinhalte der Kulturellen Moderne;

b) die irrationale Beschwörung einer idealisierten Vergangenheit und

c) eine verschwörungsideologische Anprangerung der angeblichen „westlich-materialistischen“ Vergiftung der islamischen Herrscher.

Vor dem dogmatischen Hintergrund der Koransure 13, Vers 11 „Allah verändert die Lage eines Volkes nicht, solange sie sich nicht selbst innerlich verändern“[5], wird als Ursache der ‚Unterlegenheitskrise‘ nicht etwa die islamisch-dogmatische Selbstblockierung einer rationalen Wissenskultur begriffen, sondern ganz im Gegenteil die Abwendung vom wahren Glauben bzw. der ursprünglichen ‚Rechtgläubigkeit‘ als Erklärung herangezogen. So heißt es bei al-Afghani (1838-1897):

„Wir Muslime können unsere Renaissance und unsere Zivilisation nur auf der Basis unserer Religion und unseres Koran aufbauen; nur dieser Weg kann uns helfen, unsere Rückständigkeit zu überwinden. Selbst die guten Dinge bei uns (i. e. die Adaption der modernen Zivilisation) sind Beweise für unsere Unterlegenheit und unsere Dekadenz. Wir zivilisieren uns, indem wir die Europäer nachahmen … Dadurch verliert der Islam seinen Wesenszug, der in der Dominanz und in der Überlegenheit besteht“ (Hervorhebung von mir, H. K; zit. n. Tibi 1991, S. 128).

„Islamische Reform“ heißt somit nicht Erneuerung und Erweiterung des Wissens im Hinblick auf objektive Veränderungen, sondern restaurative Wiederbelebung und Bekräftigung des althergebrachten „Wissens“. Auf die Herausforderung des Westens wird folglich nicht mit selbstverändernder Anpassung reagiert, sondern mit ideologischer Beharrung und feindseliger Ablehnung im Sinne einer ‚reaktionären Negation‘. Darin eingeschlossen ist die trotzige Revitalisierung des eigentümlichen Dominanz- und Überlegenheitsanspruch des Islam. In diesem Sinne wird die aufklärungshumanistische Bewegung, aus der die Entstehung der „kulturellen Moderne“ hervorgegangen ist, ganz im Stile der klassischen konservativen Reaktion, als materialistische Ketzerei verteufelt, die mit ihren Einflüsterungen auch den Untergang des osmanischen Reiches herbeigeführt habe.

Diese „Verkehrung ins Gegenteil“ als Grundmuster ideologischer Realitätsverarbeitung bewährt sich zugleich auf kognitiver wie auf emotionaler Ebene als psychologischer Abwehrmechanismus einer destabilisierenden – sowohl desorientierenden wie kränkenden und identitätsbedrohenden – Widerspruchserfahrung und ist durchaus vereinbar mit einem spezifischen selektiven Aneignungsmodus gegenüber der westlich-kapitalistischen Moderne, der drei grundlegende ‚Seiten‘ aufweist:

1) Die Übernahme der westlichen technisch-ökonomisch-bürokratischen Modernität, die als ein Ausfluss des überlegenen islamischen Wissens ausgeben wird. Nur dadurch, dass sich die Umma von den heiligen Vorschriften des Korans, der Sunna und der Scharia nach und nach abgewandt hat, konnte es dazu kommen, dass der Westen auf der Grundlage des vom Islam gestifteten Wissens seine ‚unrechtmäßige‘ Überlegenheit erringen konnte.

2) Die strategisch-funktionale Rezeption konservativ-reaktionären, gegenaufklärerischen und autoritär-nationalistischen sowie totalitären Ideenguts (darunter faschistische und stalinistische Leitgedanken), das dem islamischen Streben nach absoluter Herrschaft geistes- und wesensverwandt ist (Affinität zwischen dem Islam und prämodern-religiösen, feudal-aristokra-tischen und antidemokratischen Strömungen Europas)[6].

3) Die militante Ablehnung und Bekämpfung der kulturellen Moderne und der säkular-humanistischen (menschen- und individualrechtlichen) Wertekultur als „materialistische Ketzerei“ und „teuflischer Geist“ der französischen Revolution – zum Teil unter Rückgriff auf die angeeigneten europäisch-gegenaufklärerischen Ideen. Insofern basiert die islamische Verarbeitung des Dominanzverlustes auf einer reaktionären Synthese aus europäisch-antiaufklärerischem und orthodox-islamischem Denken.

Der regressiv-reaktionäre Charakter der globalen Widerspruchsverarbeitung seitens der damaligen und heutigen islamischen Vorhutkräfte zeigte und zeigt sich nun insbesondere darin, dass die Ergründung für die frustrierende Unterlegenheit nicht etwa in Form einer selbstkritischen Analyse der endogenen Entwicklungsprozesse und der internen Beschaffenheitsmerkmale der eigenen traditionell-islamischen Herrschaftsordnung vorgenommen wird, sondern zur Konstruktion eines selbstentlastenden, alle Selbstverantwortung von sich weisenden Doppelmythos geführt hat. Demnach resultiert die Unterlegenheit zum einen aus dem Abfall der islamischen Eliten und der ihnen folgenden Bevölkerungsanteile vom „wahren Glauben“ und zum anderen aus einer „Verschwörung“ des Westens mit den abtrünnigen Elementen der einheimischen Bevölkerung. Nicht der Despotismus und Autokratismus der eigenen Herrschaftsträger wird primär angeprangert, sondern deren Zusammenarbeit mit dem verteufelten Westen und die Zulassung westlicher Einflüsse. Dem Westen wiederum wird im Rahmen einer ebenso selbstgerechten wie paranoiden Verschwörungsideologie die Schuld für sämtliche Übel und Missstände der islamischen Welt zugeschrieben. (Auf dieser psycho-ideologischen Grundlage der muslimischen „Opfermentalität“ kommt es dann auch zur reaktionären Verbindung mit dem selbstgerechten Wokeismus fragwürdiger westlicher „Minderheiten“, die im Rahmen der spätkapitalistischen Dekadenz/Geistesverwirrung fälschlicherweise als „links“ wahrgenommen werden.)

Als dann mit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches das Kalifat zugrunde ging und der überlegene westlich-kolonialistische Einfluss die islamische Herrschaftskultur grundlegend erschütterte, kam es zur Herausbildung dieser regressiv-aktivistischen Bewegungen, die das Heil in der „salafistischen“ Rekonstruktion bzw. ideologischen Verklärung der ursprünglichen islamischen Herrschafts- und Normierungsverhältnisse suchten und nach wie vor suchen.

So wurde dann vor dem Hintergrund dieser Entwicklungsprozesse 1928 auf Initiative von Hasan al-Bannā (1906-1949) die „Gemeinschaft der Muslimbrüder Ägyptens“ gegründet, die als Keimzelle des modernen sunnitischen „Islamismus“ gilt. Kerninhalte ihrer Ideologie und Zielsetzung sind:

a) die Bekräftigung der orthodox-islamischen Einheit von Religion/Islam und gesamtgesellschaftlichem Leben einschließlich Politik, Staat und Recht angesichts der veränderten Kräfteverhältnisse,

b) die Ablehnung der westlich-säkularen Gesellschaftsordnung und Lebensweise, darin eingeschlossen die Bekämpfung der Demokratie als Regierungsform sowie der menschenrechtlichen Verfassungsprinzipien,

c) die militante Bekämpfung der Zusammenarbeit der einheimischen Herrschaftsträger mit den westlichen Staaten und der angeblich dadurch verursachten „gottlosen“ Überfremdung,

d) die strikte Restauration einer auf den Koran, die Sunna und die Scharia aufbauenden Herrschaftskultur und damit die Schaffung einer „gottesherrschaftlich“ zwangsregulierten, d. h. religiös-totalitären Gesellschaft in Form eines islamischen „Gottesstaates“,

e) die systematische Bekämpfung der Juden (und ihres neuen Staates) auf der Grundlage einer Synthese des traditionellen koranischen Antijudaismus und des modernen rassistisch-nationalsozialistischen Antisemitismus,

f) Da’wa-Arbeit (missionarische Agitation für den Islam) und Selbstverständnis als Vorhut-Organisation;

g) Ablehnung und Bekämpfung aller „modernistischen“ Neuerungen in Politik, Kultur, Bildung etc.

h) Weltweite Durchsetzung der Herrschaft des eigenen orthodoxen („quellendogmatischen“) Islamverständnisses als übergreifendes Hauptziel.

Hatte die Muslimbruderschaft 1936 erst 800 Mitglieder gezählt, so waren es zwei Jahre später bereits 200.000. „Motor dieses Aufstiegs war die Mobilisierung für den arabischen Aufstand in Palästina, in der die judenfeindlichen Passagen des Koran mit den antisemitischen Kampfformen des Dritten Reichs verwoben wurden und Judenhaß seine Umformung in den Djihad erlebte“ (Mallmann/Cüppers 2007, S. 45).

Nach der Umwandlung in eine politische Massenorganisation definierte al-Bannā den Islam nun als: „Kult und politische Führung, Religion und Staat, Spiritualität und Praxis, Gebet und Kampf, Gehorsam und Herrschaft, Koran(exemplar) und Schwert; keines dieser jeweils zwei (Elemente) kann sich von dem anderen trennen“ (zit. n. Schulze 2002, S. 135).

Die bis heute gültigen Popularlosungen der Muslimbruderschaft lauteten fortan „Der Islam ist die Lösung“, „Der Koran ist unsere Verfassung“, „Der Islam ist ein vollständiges und umfassendes System“, und „Anwendung der Scharia“.

Ganz in diesem Sinne erklärt al-Bannā den Dschihad im Namen Allahs zur „Kostbarkeit“ der rechtgläubigen Muslime und verkündete in einem Leitartikel der Zeitschrift der Muslimbruderschaft 1934 Folgendes: „jedes Stückchen Land, in dem das Banner des Islams gehisst wurde, ist Vaterland der Muslime (…) Es ist eine auferlegte Pflicht für jeden Muslim, für das Ziel zu kämpfen, alle Menschen zur Annahme des Islams zu bewegen und die gesamte Welt zu islamisieren, so dass das Banner des Islam auf der Erde wehen kann und der Ruf des Muezzin in allen Teilen der Welt ertönen möge: Gott ist der Größte! Dies ist kein Parochialismus noch ist es rassenbezogene Arroganz noch Usurpation von Land“ (zit. n. Wöhler-Khalfallah 2009, S. 124)

Der herausragende Vordenker nicht nur der ägyptischen Muslimbruderschaft, Sayyid Qutb (1906-1966), hat eine ebenso einflussreiche wie umfassende Kampfansage an die säkulare Demokratie formuliert. Um den Zustand der ‚Jahiliya‘, d. h. jener Dekadenz zu überwinden, die immer dann eintritt, wenn die Gesellschaft den Pfad der islamischen Rechtgläubigkeit verlässt, fordert Qutb die Wiederherstellung einer perfekten islamischen Gemeinschaft vermittels der Reaktivierung des Geistes der medinesischen Ursprungsgemeinde.

In Übereinstimmung mit den Quellentexten begreift und bestimmt Qutb den Islam als „vollkommenes System“, das alle menschlichen Lebensbereiche regelt und dem die absolute Herrschaft zukommt. Auf der Grundlage elementarer Bestimmungen des Korans[7] wird „die Aufrichtung des Königtums der göttlichen Scharia in der Welt des Menschen“ (Qutb zit. n. Meier 1994, S. 202) postuliert. Das bedeutet: Die Menschen dürfen als gehorsame und unterwürfige Gottesdiener nur dessen Gesetze befolgen und müssen das System der von Menschen gemachten Gesetze und Regierungsformen etc. zerstören. Hergestellt werden muss das alleinige Herr-Sein Gottes bzw. Gottes absolute Souveränität (hakimiya Allah). Die Unterordnung unter weltliche Herrschafts-, Rechts- und Regierungsformen wird demgegenüber als Götzendienst und damit Gotteslästerung bzw. Unglaube verdammt, der im Sinne Allahs getilgt werden muss: „Gott ist nicht der Herr allein der Araber, noch ist er Herr allein derjenigen, welche die islamische Glaubenslehre angenommen haben. Vielmehr ist Gott ‚der Herr der Welten(bewohner)‘ – und diese Religion hat zum Ziel, ‚die Welten(bewohner)‘ ihrem Herrn zurückzugeben, sie dem Diener-Sein (ubudiya) gegenüber anderen Herrn zu entreißen“ (ebd. S. 200).

Konfrontiert mit der einfallenden Realität westlicher Überlegenheit, säkularer Kultur und nichtislamischer Lebensformen radikalisiert Qutb somit den orthodox-islamischen Herrschaftsanspruch in herrschaftslogisch konsequenter Weise. Dazu gehört auch eine situationsangepasste Bestimmung des Djihad-Konzepts im Sinne der nach wie vor gültigen Doppelstrategie der aktivistischen „Vorhut“ des Islam: „Wer das Wesen dieser Religion in der vorgestellten Weise erkannt hat, der begreift zugleich die Unabänderlichkeit, dass der Aufbruch des Islam zu einer aktiven Bewegung die Form des bewaffneten Dschihad (al-gihad bis-saif) annehmen muss, neben dem Dschihad , der sich allein auf die Kraft des Wortes stützt (al-gihad bil-bayan)“ (ebd., S. 201f.).

Angesichts der aktuellen Instrumentalisierungen des „Antirassismus“ zum Zweck der Abwehr und demagogischen Diffamierung von Islamkritik ist an dieser Stelle auch das antiwestliche Hassbild Qutbs hervorzuheben, das seinerseits alle Züge eines ungehemmten muslimischen „Kulturrassismus“ enthält und als Paradigma heutiger „islamischer Vorhutakteure und deren ‚woken‘ Komplizen wirkt: „Lasst uns versuchen, Samen der Abneigung, des Hasses und der Rache in den Herzen unserer Millionen Kinder zu säen. Lasst uns sie von frühester Jugend an lehren, dass der weiße Mann der Feind der Menschheit ist und dass sie ihn bei der ersten Gelegenheit, die sich bietet, zerschmettern (sollten). Und lasst uns sicher sein, dass der westliche Kolonialismus erzittern wird, wenn er uns diese Samen säen sieht“ (zit. n. Damir-Geilsdorf 2003, S. 41).

Im Laufe der Zeit entwickelte sich die zunächst auf Ägypten konzentrierte Muslimbruderschaft (MB) zur wohl einflussreichsten aktivistischen Bewegung der sunnitischen Hauptströmung des Islam und gilt heute als „Mutter aller ‚islamistischen‘ Organisationen“[8]. Derzeit soll sie nach eigenen Angaben in 70 Ländern präsent sein, „sei es in Form von nationalen Verbänden, sei es über eine ihrer zahlreichen Unter- und Zweigorganisationen“ (Grundmann 2005, S. 9). Allein für Ägypten wird die Zahl der aktiven Mitglieder auf ca. eine Million geschätzt.

Im Einklang mit den grundlegenden Dogmen des Islam besteht das letztendliche Ziel in der Errichtung der islamischen Weltherrschaft auf der Basis der Scharia, d. h. dem Gesamtgerüst der aus Koran und Sunna abgeleiteten Verhaltensvorschriften, Rechts- und Strafnormen. „Insgesamt entwirft die MB das Modell eines autoritären Obrigkeitsstaates: oberstes Prinzip politischer Herrschaft müsse die shari‘a sein, die wiederum auf Koran und sunna basiert. Legislative, Judikative und Exekutive hätten sich der shari‘a unterzuordnen, wobei die Exekutive allein Gott, und nicht der Legislative gegenüber verantwortlich ist und die Legislative als Instrument zur Herstellung der gottgewollten Ordnung fungieren müsse“ (Farschid 2004, S 69).

Um das Ziel der Islamisierung der Welt zu erreichen, sind folgende „Zwischenschritte“ erforderlich: 1. Die innere Läuterung im Sinne der Optimierung der individuellen „Gottesknechtschaft“ bzw. „Rechtgläubigkeit“; 2. Die Bildung und Überwachung islamkonformer/rechtgläubiger Familien und Gemeinschaften; 3. die Schaffung möglichst perfekter islamischer Staaten und schließlich 4. die Errichtung des Weltkalifats. Im Rahmen dieser Gesamttätigkeit sieht sich die MB als zur Führung ermächtigte Avantgarde. Dabei weist die innere Organisation der MB eine autoritär-hierarchische Struktur auf. Um Mitglied der MB zu werden, muss der Kandidat eine dreijährige Probezeit absolvieren. Wird diese bestanden, soll das neue Mitglied einen Treueid auf den Führer mit folgender Formel leisten:

„I contract with God … to adhere firmly to the message of the Muslim Brothers, to strive on its behalf, to live up to the conditions of its membership, to have complete confidence in its leadership and to obey absolutely, under all circumstances (fi`l-manshat wa `l-makra/ am Anfang wie in Zwangslagen). I swear by God on that and make my oath of loyalty by Him. Of what I say, God is Witness.” (zit. n. Weinberger 2004)[9].

Zur Anwendung von Gewalt als Mittel der Zielerreichung nimmt die MB eine pragmatisch-taktische Haltung in Abhängigkeit von konkreten situationsgebundenen Kräfteverhältnissen ein. Kam es zunächst zu gewaltsamen Erhebungen und Attentaten sowie zum Aufbau eines geheimen militanten Flügels, wurde dann nach einer länger anhaltenden staatlichen Repression sowie eines Tätigkeitsverbots seitens des ägyptischen Militärregimes seit Beginn der 1970er Jahre ein Gewaltverzicht verkündet. Eine Rolle spielte in diesem Kontext sicher auch, dass al-Bannā am 12. Februar 1949 in Kairo erschossen und Sayyid Qutb am 29. August 1966 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung gehängt wurde. Infolge des erklärten Gewaltverzichts kam es dann zur Abspaltung diverser nach wie vor gewaltorientierter Gruppen, die sich später teilweise der Al Kaida anschlossen.

Die Strategie der weitgehend gewaltlosen Tätigkeit verschaffte der MB in Ägypten vor dem Hintergrund der Dominanz konservativ-islamischer Sozialisationsverhältnisse eine recht breite Massenverankerung, so dass sie nach dem Sturz des Mubarak-Regimes sogar zunächst in die Regierungsverantwortung gewählt wurde und von Juni 2012 bis Juli 2013 mit Mohammed Mursi auch das Amt des Staatspräsidenten besetzte. Jenseits von taktischer Rhetorik war ihr Ziel aber mitnichten der Aufbau eines demokratischen Systems und die Einhaltung der damit gesetzten Regularien. Vielmehr ging und geht es ihnen um die Errichtung eines islamischen Staates als Kerninstanz eines religiös-autoritären Herrschaftssystems. So kam es unter dem Eindruck von Massendemonstrationen oppositioneller Bevölkerungsteile schließlich dazu, dass sich das ägyptische Militär zum Eingreifen veranlasst sah, Mursi zum Rücktritt zwang und ihn festsetzte[10]. Die MB wurde daraufhin Ende 2013 verboten und als Terrororganisation eingestuft.

Teil 2 und 3 folgen.

Dieser Text erschien zuerst hier: https://hintergrund-verlag.de/analyse-der-islamischen-herrschaftskultur/hartmut-krauss-islamische-herrschaftsstrategie-unter-den-bedingungen-westlicher-vorherrschaft/

Anmerkungen:

[1] Maulawi 1987, S. 25.

[2] Maulawi 1987, S. 25.

[3] Siehe dazu die entsprechenden Quellenaussagen in Krauss 2013, S. 44ff. und bei http://rolandfakler.de/nicht-muslime/

[4] Die Bezeichnungen „Islamismus“ oder – häufig synonym verwandt – „politischer Islam“ sind insofern desorientierend, weil sie oftmals fälschlicherweise einen wesentlichen Gegensatz zum Inhalt des traditionellen bzw. orthodoxen Islam suggerieren, wie er in den genannten Quellentexten objektiv vorliegt und subjektivistischen Veränderungen/Erneuerungen/Interpretationen weitgehend entzogen ist. Tatsächlich handelt es sich aber bei den als „islamistisch“ oder „dem politischen Islam zugehörig“ bezeichneten Akteuren schlicht um aktivistische Vorhutkräfte der islamischen Gemeinschaft, die in voller Übereinstimmung mit den Grundinhalten der islamischen Weltanschauung den muslimischen Herrschaftsanspruch gerade auch angesichts der negativ veränderten Realitätsbedingungen strategisch differenziert durchsetzen bzw. restaurieren wollen. Siehe zur Kritik dieser Bezeichnungen auch Tilman Nagel: „‚Der Islamismus hat mit dem Islam nichts zu tun‘ – Eine westliche Illusion“ https://hintergrund-verlag.de/analyse-der-islamischen-herrschaftskultur/tilman-nagel-der-islamismus-hat-mit-dem-islam-nichts-zu-tun-eine-westliche-illusion/ und „Der fatale Irrtum über den Islam“ https://www.achgut.com/artikel/der_fatale_islam_irrtum

Meine Analyse des ‚Islamismus‘ als reaktionär-aktivistische Widerspruchsverarbeitung des orthodoxen Islam angesichts der Überlegenheitserfahrung der westlichen Moderne habe ich u. a. in diesen Texten dargelegt: „Aufklärung und Kritik“, Sonderheft Islamismus, S. 201ff. https://epub.sub.uni-hamburg.de/epub/volltexte/2007/191/pdf/isla_so13.pdf und http://www.gam-online.de/text-Zur%20aktuellen%20Formierungsweise.html

[5] Der Koran 2003, S. 206.

[6] Zur Konvergenz zwischen Faschismus/Nationalsozialismus und islamischer Herrschaftskultur vgl. Gensicke 1988, Küntzel 2002, Krauss 2003 und Mallmann/Cüppers 2007. Zur islamischen Rezeption westlicher politischer Ideen vgl. z. B. Tibi 1996 (Dritter Teil) und Schulze 2002.

[7] So führt Qutb zum Beispiel folgende Verse an: „Er ist es, der im Himmel Gott ist, und Gott ist auf der Erde“ (Koran 43, 84). Und: „Die Entscheidung steht allein Gott zu. Er hat befohlen, dass ihr nur Ihm dienen sollt. Das ist die richtige Religion“ (Koran 12, 40).

[8] Zur Geschichte der MB vgl. z. B. Ayubi (2002), Farschid 2004, Grundmann 2005, Wöhler-Khalfallah 2009.

[9] Weinberger, Cornelia: Die ägyptische Neo-Muslimbruderschaft – Legalisten wider Willen? Hausarbeit (Hauptseminar), 2004. https://www.grin.com/document/31752

[10] Siehe zum Sturz der MB in Ägypten: https://hintergrund-verlag.de/analyse-der-islamischen-herrschaftskultur/demokratie-unter-islamistischer-vorherrschaft-zum-scheitern-einer-abwegigen-illusion/

Zum Weiterlesen: