Als sich die Geschlechter daraufhin ganz konservativ in zwei Gruppen sortiert hatten – für non-binäre Personen wurden keine Anweisungen erteilt, wie rückschrittlich! – forderte eine Sprecherin die Herren auf, sich gegenseitig in die Augen zu schauen. Im Folgenden wurden sie dazu angehalten, sich gegenseitig ihre »Tätervergangenheit« zu gestehen und zukünftig jeglicher sexuellen Gewalt abzuschwören. Die Demo-Leitung ging offensichtlich davon aus, eine Versammlung zumindest potentieller Triebtäter vor sich zu haben, worunter heute unter diesen Straftatbestand schon das Aufhalten einer Tür oder ein freundliches »Schick sehen Sie heute aus, Frau Müller!« fallen. Eine Frau, die solche Gesten zu schätzen weiß, hat einfach noch nicht begriffen, wie verderbt das männliche Geschlecht ist. Innerlich behaarte Wölfe allesamt, wie es schon in den Achtzigern Angela Carter in ihrer überarbeiteten Version von »Rotkäppchen« beschrieb.
Da kommt man ein wenig ins Grübeln, welchen evolutionären Vorteil es dem männlichen Geschlecht es heute verschaffen könnte, sich vollends der Lächerlichkeit preiszugeben. Schließlich ist auch die Menschheit für ihren Fortbestand darauf angewiesen, beide Geschlechter trotz scheinbar unüberwindlicher Differenzen ab und an zum Zwecke der Fortpflanzung zusammenzuführen. Gehen wir einmal davon aus, dass dies – zumindest unter zivilisierten Menschen – in den meisten Fällen freiwillig geschieht, muss hinter dem Verhalten der mehrheitlich weißen, gutbürgerlichen Männer eine Strategie liegen. Mir fiel dazu spontan das Verhalten zu klein geratener männlicher Sepien ein. Bei diesen kurztentakligen Verwandten des Oktopus verfolgen etwas zarter gebaute Männchen eine raffinierte Methode, um bei den Weibchen zum Zuge zu kommen. Ist die Auserwählte schon von einem männlichen Prachtexemplar belagert, tarnen sie sich einfach als Weibchen, um sich an der Konkurrenz vorbei zu schmuggeln. Wie der Oktopus kann auch ein Sepia zur Kommunikation seine Färbung ändern und signalisiert durch einen weißen Streifen, ein nicht paarungsbereites Weibchen zu sein, damit er nicht vom gleichen Geschlecht beglückt wird. Damit ist er schneller am Ziel als eine Transfrau in der Frauenumkleide des örtlichen Sportvereins. Das Weibchen entscheidet jetzt selbst, wessen Samen es zur Befruchtung seiner Eier benutzt: Die des Kraftprotzes oder die des Anschleichers? Wer ist überlebensfähiger?
Freiwillig mitzumachen, wenn man zu Tatbekenntnissen genötigt wird, hat allerdings noch einmal eine ganz andere Dimension. Natürlich darf man den anwesenden Herren zubilligen, überrumpelt worden zu sein, denn Massenaufläufe bieten eine ideale Grundlage, Menschen zu etwas zu nötigen, das sie eigentlich gar nicht tun wollen. Das haben sich Ideologen schon immer zunutze gemacht, um breite Zustimmung zu simulieren. Verhaltenspsychologen haben in zu diesem Zweck manipulierten Versuchsanordnungen herausgefunden, wie man Probanden dazu bringen kann, offensichtlich falschen Behauptungen zuzustimmen: Legt man ihnen etwa das Bild von zwei unterschiedlich langen Linien vor, so werden sie steif und fest behaupten, beide seien gleich lang, wenn dies in ihrer Gruppe mehrheitlich von vorher eingeweihten Testpersonen behauptet wird. Menschen fühlen sich einfach unwohl dabei, aus der Reihe zu tanzen. Entweder reden sie sich ein, die Masse würde schon recht haben oder sie kommen sich zwar dämlich dabei vor, wollen aber keinen Ärger haben.
Bei den Männern bei der Hamburger Demo dürfte es sich im schlimmsten Falle um das gehandelt haben, was in George Orwells »1984« als »Gedankenverbrecher« bezeichnet und als potentielle Gefahr eingestuft wird, obwohl faktisch keine ernsthafte Bedrohung vorhanden ist. Ganz anders verhalten sich tatsächlich überführte Täter, wenn sie vor Gericht aussagen müssen. Vergewaltiger behaupten etwa, der Sex habe in gegenseitigem Einvernehmen stattgefunden, obwohl die Frau deutliche Zeichen von Gewalteinwirkung aufweist – wenn sie denn noch in der Verfassung war, diese ärztlich dokumentieren zu lassen. Sexualität ist hier tatsächlich nur das Mittel, der Zweck ist Machtausübung. Ganz besonders deutlich wird das bei den sprunghaft angestiegenen Gruppenvergewaltigungen und Sexualmorden der letzten Jahre: Die oft jugendlichen Täter mit muslimisch-arabischem Migrationshintergrund zeigen sich oft sogar darüber verwundert, für ihre Taten überhaupt angeklagt zu werden: »Sie war doch nur ein Mädchen!« oder »Frauen haben in der Öffentlichkeit nichts zu suchen« scheinen ihnen als Begründung ausgereicht zu haben, um ihre Dominanz im öffentlichen Raum auszuleben. Von Schuldbewusstsein keine Spur.
Umso grotesker fallen kollektive Schuldbekenntnisse auf inszenierten Frauenrechtsdemos aus: Es ist gelungen, jene Männer zu demütigen, die ohnehin keine Gefahr darstellen, während echte Täter über derlei Bekenntnisse nur schadenfroh lachen dürften. Das sagt auch einiges über die Frauen aus, welche aus solchen Inszenierungen ihre Befriedigung ziehen. Den Mut, echte Gegner anzugehen, haben sie nicht. Es ist ungefähr so tapfer, als wenn man ein Kätzchen ersäuft, um einem Tiger Stärke zu zeigen. Sinnlos und auch irgendwie erbärmlich.
Denn in der realen Welt gibt es tatsächlich Opfer zu beklagen, Kriminologen schätzen, dass gut 80 Prozent der Anzeigen bezüglich sexueller Übergriffe vollkommen berechtigt erfolgt sind. Wie bei jeder Straftat – egal ob es sich um Eigentumsdelikte oder Gewalttaten dreht – gibt es auch hier falsche Verdächtigungen, die es Frauenhassern immer wieder ermöglichen, die Existenz sexueller Gewalt generell in Zweifel zu ziehen. Der Normalbürger hingegen kann oft nicht glauben, dass es sich bei schwerwiegenden Anschuldigungen um Lügen handeln könnte, denn dazu gehört schon eine ordentliche Portion Dreistigkeit, welche die meisten Menschen gar nicht besitzen. Zumindest würden sie zusammenbrechen, wenn erste Logiklöcher in ihrer Geschichte aufgedeckt werden. Echte Lügner stricken hingegen unbeirrt an ihrer Geschichte weiter, bei Collien Fernandes wissen wir inzwischen gar nicht mehr, was nun an den Vorwürfen gegen ihren Mann dran ist.
Oft sind es Details, welche Zweifel aufkommen lassen, ob eine Geschichte, die wahr sein könnte, sich dann tatsächlich auch so zugetragen hat. Bei Fernandes ist es der offensichtliche Zuschnitt auf das geplante Klarnamen-Gesetz. Als Gil Ofarim damals behauptete, wegen seines Davidsterns angepöbelt worden zu sein, hätte auch das wahr sein können, aber der Ort des Geschehens machte stutzig. Eine beliebige Berliner Mensa hätte gepasst, aber die Angestellten eines Hotels sind im Allgemeinen zu professionell, um sich zu derartigen Beleidigungen hinreißen zu lassen. Mit der Vergewaltigung israelischer Frauen durch die Hamas im Oktober 2023 beschäftigten sich selbst UN-Frauenorganisationen nur sehr zögerlich, weil sie dem »palästinensischen Freiheitskampf« nicht schaden wollten. Ebenso verhielt es sich bei den sexuellen Übergriffen in einem Neuköllner Jugendclub durch junge Migranten – dort wurden gerade Frauen zu Komplizen der Täter, bis in die Lokalpolitik hinein. Opfer ist, wen Ideologen als Opfer sehen wollen.
Wir müssen uns also in dieser Frage den Auswirkungen eines dubiosen Kollektivismus stellen, der Schuld nicht mehr nach Plausibilität und realen strafrechtlichen Kriterien beurteilt, sondern so, wie es gerade »haltungstechnisch« genehm ist. Langfristig wird hoffentlich auch den jetzt öffentlich vorgeführten Männern klar werden, für welches vollkommen sinnbefreite Ablenkungsmanöver sie herhalten mussten. Wenn sie nicht ohnehin nur mitgemacht haben, um von den aufgebrachten Furien in ihrem Umfeld nicht auf die Wohnzimmercouch verbannt zu werden. Vielleicht haben sie es dann auch nicht besser verdient – wenn ihre Freundin dann nicht schon längst mit einem vollkommen reuelosen Kraftprotz durchgebrannt ist. Aus rein evolutionären Gründen natürlich. Und weil er nicht mehr der ist, den sie irgendwann einmal kennengelernt hat. Fest steht nur: Rationalität ist in dieser Szene weder bei Männern noch bei Frauen ausreichend vorhanden.
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Übernahme mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
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